Auf dem Eisberg

Ich bin auf dem Eisberg. Ich bin alleine. Doch zunächst geht es hier nicht um mich, sondern um die „Community“.

In vielen Kommentaren und Blog-Posts wurde die jüngste Bewegung über .NET Coding Dojo’s als „für die Community nicht hilfreich“ tituliert. Jetzt, wo es zwei verschiedene „Stile“ von .NET Coding Dojo’s gäbe, sei auch noch ein entscheiden und ein „was ist nun besser“ hinzugekommen. Den Meinungen kann ich mich größtenteils anschließen. Doch ich möchte noch etwas hinzufügen: Das philosophische, frenetische, ja fast religiöse Reden und Ausarbeiten dieser „Stilunterscheidung“ zwischen Schwarm und Latifa ist mir doch deutlich zu krass und hat mich über die letzten Tage mehrheitlich nur dazu gebracht, beim Lesen der Meinungen immer wieder zu denken: „Hääh, oder wie oder wat?

Eine Bereicherung

Insofern finde ich es ein schlechtes Signal und eine besorgniserregend überspannte Kommunikation, von „der Teilung der Dojo-Welt“ oder der „Trennung der Community in zwei Lager“ zu sprechen. Das Gegenteil ist der Fall, die „Community“ wird bereichert. Sie wird bereichert um andere Sichtweisen, um andere Vorgehensweisen und andere Menschen – ganz unabhängig davon, ob die Bereicherung nun als gut oder schlecht zu bewerten ist.

Darüber hinaus ist es schlichtweg überzeichnet, wenn man sich so massiv mit der „Gestaltung von Coding Dojo’s“ auseinandersetzt und die „Stilrichtungen“ oder “Schulen“ miteinander in fast religiös ausufernder Manier differenziert. Coding Dojo’s sind bei weitem nicht das einzig wichtige für einen Software-Entwickler, zumindest für mich. Ich mache Coding Dojo’s aus Spaß - in meiner Freizeit. Andere machen es vielleicht aus einer anderen Motivation heraus. Aber das in letzter Zeit ist mir deutlich zu viel des Guten, wenn es überhaupt dem Attribut gutwillig genüge träge. Es gibt auch noch andere Dinge, also sollte man das ganze Tohuwabohu um die .NET Coding Dojo’s relativieren.

Ich bin mir durchaus bewußt, das die Erhebung meines „Latifa“-Stils ein Treiber in dieser Entwicklung war, wenn auch nicht der einzige. Jedoch war es nicht meine Motivation, irgendwelche „Lagerschaften“ zu erarbeiten. Nein, vielmehr ist diese Formalisierung der Regeln aus der Erfahrung des Coding Dojo’s bei den dotnetpro.powerdays entstanden. Meine Wahrnehmungen waren nämlich deutliche Divergenzen zwischen dem Verhalten einzelner Teilnehmer und den als „Latifa“ titulierten Werten.

Latifa ist tot, es lebe Latifa

Ich denke auch, dass die Werte-Prinzipien sowie auch andere Prinzipien, auf die ich hier nicht näher eingehen werde, nicht als spezifisch für ein Coding Dojo reduziert werden können. Ich denke, die „Latifa-Werte“ sind über ein Coding Dojo hinaus auch im täglichen Miteinander und Arbeiten beachtenswert. Deswegen – und wegen der für mich zu konterkarierenden Darstellung der Stilisierung von Dojos – werde ich die Latifa-Werte nicht mehr ausschließlich im Kontext von Coding Dojo’s anwenden. Es gibt kein „Latifa-Coding-Dojo“ mehr. Weil für mich diese Werte & Prinzipien nicht nur für Coding Dojo’s gelten, sondern in meiner Welt Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.

Schwarm drüber?

Also, alles wieder gut, alles wieder lustig und soz. „Schwarm drüber“? Nein, ist meine klare Antwort. Jedenfalls nein für mich. Es ist ja auch meine Perspektive, die ich hier schildere. Ich habe für mich erkennen und lernen dürfen, dass ich offensichtlich eine eingeschränktere Menge an Gemeinsamkeiten mit Meinungen, Verfahrensweisen, und Prinzipien anderer habe. Besonders ist mir aufgefallen, dass ich - für mein eigenes Bedauern - mit Ralf und Stefan weniger Gemeinsamkeiten habe als ich zunächst vermutete.

Ich habe den Eindruck, dass meine Ansichten & Werte sich von den Werten & Prinzipien von Ralf & Stefan auf fachlicher Ebene deutlich unterscheiden. Meine Wahrnehmung ist weiterhin, dass die Unterschiede zwischen mir und Ralf/Stefan auf persönlicher Ebene noch deutlicher sind. Für mein Empfinden ist für diese Relation der Begriff des „diametralen entgegen stehens“ durchaus treffend.

Das .NET Coding Dojo für „Profi’s“ ist Schwarm ?!?

Ein Beispiel dafür ist für mein Empfinden die Zielsetzung bei Coding Dojo’s. Ich mache Coding Dojo’s in meiner Freizeit und ich möchte in meiner Freizeit Spaß haben. Das ist für mich soetwas wie ein Primärziel. Diesen Eindruck habe ich von der Zielsetzung von Ralf nicht. Für mich stellt sich die Zielsetzung von Ralf als zielorientiert und leistungsorientiert dar. Bei Ralf geht aus meiner Sicht deutlich mehr um „professionelles Lernen“.

Ein weiteres Indiz ist sicherlich die unterschiedliche Betrachtungsweise von „professioneller & moderner Softwareentwicklung“. Für mein Empfinden genügen doch eine ganze Menge an Ansichten und „Lehren“ von Ralf & Stefan nicht mehr meinem Anspruch der professionellen & modernen Softwareentwicklung.

Das fängt für mich schon bei unnötigem Sauberkeitsfetisch wie dem Trennen von Tests und Produktionscode in verschiedene Projekte an. Das ist für mich ja schon fast wie jeden Tag das Auto durch die Waschanlage zu fahren. Zum Einen, weil der Code ein kleines Code Kata im Coding Dojo ist und keine Mission-Critical-Anwendung. Zum Anderen, weil es schlichtweg nicht mehr zeitgemäß ist, Tests vom SUT zu trennen. Je näher sie zueinander stehen, um so besser.

Frankreich wird Fußballweltmeister

Ich könnte jetzt weitermachen und „weiterwettern“, z.B. das für mein Dafürhalten das von Ralf & Stefan transportierte „TDD“ mit der Anleitung des „vorher die Lösung auf Papier erfassen“ und dann „gestärkt und mit klarem Kopf Tests programmieren“ so viel mit TDD zu tun hat wie Frankreich mit der Fussballweltmeisterschaft (Anmerkung des Autors für den "ernsthaften" Leser: Das war ein kleiner übertriebener Witz am Rand. Bitte schmunzeln, Danke.)

Doch ich werde dieser Versuchung widerstehen, denn ich habe für mich erkannt, dass es eben verschiedene Ebenen und subjektive Wahrnehmungen von professioneller & moderner Software-Entwicklung gibt. Ich hatte schon im meinem Artikel über „mein .NET Coding Dojo“ (ergo: meine Perspektive eines Coding Dojo’s) schon angedeutet, dass ich mich gerade mit dem Thema TDD & Planung noch deutlich sowie ausführlich äußern möchte und werde. Zurück zur Professionalität & Modernität.

Meine Wahrnehmung der unterschiedlichen Grade und Auffassungen von fachlicher sowie persönlicher Professionalität & Modernität zwischen dem nun nicht mehr vorhandenen „Latifa-Dojo“ und dem „Schwarm-Dojo“ ist es auch, die mich dazu veranlasst, ab heute auch bestimmte Begriffe bei meiner Kommunikation mit .NET Coding Dojo’s explizit auszuschließen. Dazu zählen „Lerne & Lehre“, „Professionell“ & „Modern“.

Das heisst nun keineswegs, dass es keine Coding Dojo’s gibt, die moderne & professionelle Software-Entwicklung fokussieren. Das heisst vielmehr, dass ich mir moderne & professionelle Methoden bei einem Coding Dojo wünsche, aber sie eben nicht bei allen erfüllt werden.

Fun as fun in fun

Abschließend kann ich für mich als folgendes Fazit ziehen: Ich werde weiter .NET Coding Dojo’s besuchen. Vor allem, weil sie mir Spass machen. Wenn sie mir keinen Spass mehr machen, dann werde ich sie auch nicht mehr besuchen. Der Spass steht bei mir im Vordergrund, denn es ist für mich eine Freizeitaktivität. Diese Freizeitaktivität hat mir viele Erkenntnisse beschert. Und das ist gut so.

Aber ich werde mich auch von Coding Dojo’s distanzieren, die dieses Primärziel für mein Dafürhalten nicht erfüllen. Dazu zählt für mich das „Schwarm-Dojo“. Es mag andere Meinungen dazu geben und auch andere Entwickler, die eben mehr Wert auf andere Komponenten legen. Für diese mag viellecht auch ein „Stil“ wie der Schwarm-Dojo schön, gut, frisch und fröhlich sein. Gut. Für mich ist es eben nicht so.

Selbst wenn die inhaltliche Substanz eines Schwarm-Dojo’s für mich attraktiv wäre (was sie für mich nicht ist), ja selbst dann würde ich mich auf Grund der momentan für mein Empfinden zu großen persönlichen Diskrepanz zu Ralf & Stefan mit großer Wahrscheinlichkeit nicht dazu motivieren können, ein Dojo mit Ralf & Stefan zu besuchen.

Auf dem Eisberg

Ich werde weiter auf dem Eisberg sein. Wenn meine Werte, meine Prinzipien und meine Arbeitsweise mein Eisberg sind, dann bleibt mein Name zwar Ilker, aber auf dem Eisberg bin ich so ähnlich wie Kalle. :-) Na juuud juuuud juuud juuud juuud...


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