Oder: Nähe ist besser als Distanz

Es ist schon eine wundersame Welt. Also, in meinen Augen natürlich. Ich schreibe diesen Artikel ja auch, also kann es nur eine persönliche und subjektive Meinung sein. Aber immerhin, es ist eine Meinung, und das sogar ziemlich deutlich. Denn, ich habe den Artikel, die Kommentare und den Folge-Artikel von Golo zu seiner These "Räumliche Nähe wird überbewertet" gelesen. Das ich da anderer Meinung bin, habe ich ja schon gebloggt. Was also noch darauf rumreiten? Die Antwort ist einfach: Es ist wichtig, deswegen.

Kommunikation = Mitteilung + Wahrnehmung

Doch zunächst möchte ich in aller (nur notwendig langen) Kürze auf ein verwandtes Thema eingehen: Die Kommunikation. Besser gesagt, die zwischenmenschliche Kommunikation. Kommunikation ist eine schwierige und herausfordernde Kunst. Der eine sagt etwas, der andere versteht etwas. Ob es dann das ist, was der eine sagen wollte und der andere verstehen wollte, hängt von unheimlich vielen Faktoren und komplexen Sachverhalten ab. Doch zunächst gilt es festzuhalten: Kommunikation ist nicht nur Mitteilung, sondern auch Wahrnehmung. So geschehen auch bei der "Blog-Kommunikation" zwischen mir, Golo und dem "Publikum" (also auch Dir, lieber Leser).

Mit Golo's Aussage fing es an: "Räumliche Nähe wird überbewertet". Gut. Man könnte jetzt vieles wahrnehmen. Zum Beispiel könnte man wahrnehmen, dass Golo damit meint, dass ihm räumliche Nähe ein Graus ist. Oder man könnte wahrnehmen, dass Golo ein introvertierter, soziophober Alleingänger ist. Keines von dem ist der Fall. In meinen Augen ist derjenige, der so eine Wahrnehmung hat, einfach nicht aufgeschlossen und wohlwollend zu Golo's Meinung. Dennoch - man könnte es sicherlich wahrnehmen.

Ich antwortete auf seine Aussage mit dem Artikel "Räumliche Nähe wird unterschätzt". Gut. Man könnte jetzt vieles wahrnehmen. Zum Beispiel könnte man wahrnehmen, das ich damit "Verteilte Teams sind nicht erfolgreich" postuliere. Oder man könnte wahrnehmen, das ich ein opportunitisch-dogmatischer Agile-Fetischist bin. Keines von dem ist der Fall. In meinen Augen ist derjenige, der so eine Wahrnehmung hat, einfach nicht aufgeschlossen und wohlwollend zu meiner Meinung. Dennoch - man könnte es sicherlich wahrnehmen.

Aber jetzt mal Tacheles kommuniziert: Wer sollte denn so etwas annehmen? Ich finde so eine Wahrnehmung absurd. Ja, geradezu lächerlich. Demjenigen, der wirklich allen ernstes Golo nachsagen möchte, dass er Colocation als "schädlich" einstuft, oder aber mir den Vorwurf macht, ich würde "Colocation über Alles!" predigen, dem traue ich auch zu, dass er in "Satellite" keine Liebeshymne sieht, sondern es als öffentliche Drohgebärde einer Stalkerin zu ihrem Opfer interpretiert. Soviel dazu.

Die Mathematik der Meinung

Zurück zum Thema, der räumlichen Nähe. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass räumliche Nähe unterschätzt wird. Unterschätzt in vielerlei Hinsicht. Ich gehe zunächst auf eine Perspektive ein, die auch schon angesprochen wurde: Effizienz und Produktivität. Golo schreibt in einem Kommentar treffend seine Motivation:

Golo: "...Es ging mir um die immer postulierte Allgemeingültig der Aussage "Colocation ist besser". Zu zeigen, dass dem nicht so ist, genügt ein einziges Gegenbeispiel..."

Meine Meinung dazu: Ja, Richtig und Nein, Falsch. Das ist nicht logisch? Macht nichts. Ist trotzdem so.

Denn: Ja, es ist richtig, dass Golo nur ein Gegenbeispiel zeigen muss, um die Allgemeingültigkeit ad acta zu legen. Und: Nein, es ist falsch, denn meiner Meinung nach ist das gewählte methodische Werkzeug - nämlich die Anwendung der Aussagenlogik und deren Beweismethoden - völlig unangebracht. Bei allem Respekt gegenüber der Professionalität und Kompetenz von Golo bin ich etwas irritiert, das gerade der Berater für agile Methoden die Colocation nicht zu favorisieren scheint.

Doch die Motivation verstehe ich nur allzu gut - es wird öfters die "Colocation" als Heilsbringer dargestellt. Dem ist nicht immer so. Aber muss man deswegen so eine trockene, wissenschaftliche Herangehensweise wählen? Ich denke, dass es nicht unbedingt notwendig gewesen wäre, denn schließlich führt die Bool'sche Algebra hin zu einer totalitären "Schwarz-Weiss"-Wahrnehmung (wie oben geschildert). Dabei ist in Wahrheit nicht schwarz oder weiss schön, sondern alle Farben.

Leider wird für meinen Geschmack bei diesem Thema zu tief in die mathematisch-naturwissenschaftliche Logik-Kiste gegriffen. Logik & Mathematik sind mächtige Werkzeuge, die man oft und versatil einsetzen kann. Aber sie sind nicht die Weisheit für alle möglichen Systeme oder Lebenslagen. Ich meine, hier ist Logik alleine nicht das adequate Werkzeug. Vielmehr hilft meines Erarchtens hier der gesunde Menschenverstand mit dem unvergleichlichen Etwas, was uns Menschen auszeichnet: Emotion. Doch dazu komme ich gleich noch.

Handlungsfähigkeit, Produktivität und Effizienz

Fakt ist, dass Menschen, die an einem Ort, in einem Raum zusammenarbeiten, Ihre Arbeit in den meisten Fällen effizienter, effektiver und produktiver gestalten und erledigen. Abseits von Agilität und unabhängig von der eingesetzten agilen Managementmethode stellt man fest: In sehr vielen Fällen ist ein "Warroom" oder "Teamroom" für eine erfolgreichere Gestaltung des Vorhabens nicht nur hilfreich, sondern mit ausschlaggebend. Darüber hinaus entwickelt sich ein deutlich zügigerer Durchlauf des Teams durch die Tuckman-Phasen. Mit der Zeit entwicklelt man auch ein viel besseres Verständnis zu den Aufgaben anderer und vermag auch, den anderen in brenzlichen Situationen zu helfen. Und manchmal ist man auch ganz glücklich, wenn einem selbst ein wenig unter die Arme gegriffen wird.

Es gibt dabei meiner Meinung nach aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt. Es ist die Teamaufstellung. Es ist eines der Dinge, die bei der Diskussion für mein Empfinden viel zu wenig herausgearbeitet wurde. Oder besser auf Deutsch gesagt: es wurde einfach ignoriert. Schade. Denn ein agiles Team ist nur dann ein agiles Team, wenn es interdisziplinär (bzw. "cross-functional") ist. Warum das so ist, habe ich ja schon geschildert. Der Effekt, der dabei entsteht, ist eine wesentlich effizientere Kommunikation zwischen den einzelnen Domänen- und Fach-Experten. Darüber hinaus werden intuitiv und äußerst effizient gemeinsame Schnittstellen und eine Ubiquitous Language entwickelt.

Es gibt noch eine Menge anderer Dinge, die ein interdisziplinäre und lokale Teamaufstellung zu einer Präferenz zu anderen Teamstrategien macht. Doch der kausale Kern eines agilen Teams ist und bleibt geschäftsgetrieben. Ein agiles Team ist "im Kern" nur interdisziplinär, weil es der einzige Weg ist, ein Feature als Ganzes, also integer und abgeschlossen, umzusetzen. Das es nebenbei diese Aufgabe auch noch effektiver löst, als andere Teamaufstellungen, ist die "Sahne" auf dem Kuchen.

Mi Kasa Es Su Kasa

Ein weiterhin von Golo und anderen Kommentatoren kritisch beäugtes Merkmal von "Colocation" ist die "Minderung der Produktivität durch Störungen". Diese Argumentation ist für Agilisten nichts Neues. In meinen Augen ein Indiz für Ängste. Man befürchtet, dass man durch "den Lärm" und "die Unterhaltungen" im Raum nicht mehr konzentriert arbeiten kann, sich jeder die Kopfhörer aufsetzt und in seine Welt entschwindet. Man befürchtet, dass man sich nicht mehr in seinem eigenen kreativen Mikrokosmos nicht mehr wohlfühlen kann. Man befürchtet, beobachtet zu werden. Man befürchtet, sich einfach nicht mehr in die Arbeit "gehen lassen" oder "eintauchen" zu können. Das sind verständliche Ängste. Besonders dann, wenn man noch nie oder erst selten mit agilen Teams - oder als Teil eines agilen Teams gearbeitet hat. Ich kann das nachvollziehen.

Doch ich kann es nicht nachvollziehen, dass manche - wohl genährt durch diese Befürchtungen - behaupten, dass es "sowieso nicht besser wäre", oder für die einzelne Persönlichkeit und den einzelnen Charakter ungeeignet sei. Noch dazu ohne es einmal ausprobiert zu haben. In meinen Augen ist das eine lapidare und profane Argumentation. Viel zu oft gewinne ich dadurch den Eindruck, das dieser Schlag von Entwicklern ein wenig zu oft an sich selbst denkt als an andere Teammitgleider und die gemeinsame Sache.

So sind z.B. Designer und UX-Experten wesentlich intensiver mit kreativer Schaffung konfrontiert und damit auch deutlicher abhängig von ein Umfeld, in dem die "Kreativität keimen und reifen" kann. Auch Produkt Manager sind oft mit hochkonzentrierten und komplexen Denkprozessen beschäftigt, wenn es z.B. um die Entwicklung von neuen Features eines Produktes geht. Was ich damit sagen will: Jeder ist ein Mensch, nicht nur die "Coder". Wer wünscht sich nicht gerne sein eigenes "Arbeitsreich"? Doch auch wenn man es hätte, in den meisten Fällen wäre es für die gemeinsame Sache eben nicht zielführend, das jeder sein Reich hat und sein eigenes Ding auf seine eigene Art und Weise macht.

Interessanterweise sind es aus meiner Erfahrung gerade diejenigen, die mehrheitlich Konzentrations- oder Kreativitäts-Aufgaben erledigen, am wenigsten Probleme mit der Zusammenstellung interdisziplinärer Teams in einen Raum haben. Im Gegenteil. Sie fühlen sich inspiriert und freuen sich, dass ihre Arbeit auch gesehen und bewertet werden kann. Ein guter & agiler Web-Designer z.B. freut sich über jedes frühe Feedback - von jedem. Natürlich braucht man auch seine Ruhe- und Schaffungsphasen. Jeder braucht das.

Das ist im Übrigen eines der ersten Dinge, die ein agiles Team auch lernt und gestaltet: Ruhephasen - Bibliotheksmodus - Silentio. Ein weiteres, hilfreiches Merkmal solcher "hyperproduktiven Arbeitsumgebungen" sind Fluchtpunkte. Also Ruheinseln, in denen man sich zurückziehen kann. Für Persönliches oder Privates. Oder einfach nur so, zum ausruhen. Powernap. Etwas lesen. Am Flipper eine Runde zocken und den Kopf etwas frei kriegen. Auftanken.

Ich sage nicht, das all das, was ich gerade erwähnt habe, nicht auch mit verteilten Teammitgliedern möglich wäre. Es ist auch machbar. Die Profi's Golo & Peter sind ein gutes Beispiel dafür. Aber es ist meiner Meinung in sehr vielen Fällen ungleich schwieriger, deutlich fragiler und auch minder effizient. Mit Colocation funktioniert es natürlich auch nicht immer - aber dafür deutlich öfter, einfacher und produktiver.

Emotion. Hautnah.

Zurück zu dieser einen "ungreifbaren" Sache, die mit agilen Teams an einem gemeinsamen Ort besonders hervorstechend ist. Die Emotion. Emotion ist etwas so wichtiges und schönes. Auch für Entwickler und Nerds. Man regt sich über den langsamen SATA-Treiber auf. Man installiert gespannt die neuesten Plugin's für Visual Studio während man sich mit dem Käsebrötchen vollkrümelt. Man lacht sich über den 3. roten Build des Tages kaputt, weil es wieder einmal ein Leichtsinnsfehler war.

Doch Emotion ist nicht nur für einen selbst wichtig. Emotion ist auch für andere wichtig. Die Sprache ist nur ein Teil der Kommunikation. Manche Streiten sich darüber, ob nur 7% unserer gesamten Kommunikation verbal ist. Fakt ist, Sprache ist nicht alles. Den Satz "Ich verstehe." von einer langjährigen, erfahrenen Web-Designerin zu hören - flüsternd, mit glasigen Augen und zittrigen, schweißgebadeten Händen, die sie vergebens versucht hinter ihrer großen Pop-Art-Teetasse zu verstecken - oder aber "Ich verstehe." mit resoluter Stimme wahrzunehmen - gefolgt von einer gekonnten Seitwärtsdrehung, die ihre zum Pferdeschwanz gebundenen Haare durch die rapide Rotationskraft zu einem Duftkatalysator ihres Luxusparfums entarten lässt und mit der Registrierung ihrer kalten Schulter abrupt endet. Ein und das selbe Wort - doch zwei Nachrichten, die gegensätzlicher kaum sein könnten. Natürlich gibt es noch tausende von andere Bedeutungen des Satzes "Ich verstehe", aber ich denke Du verstehst, was ich meine. ;)

Für einige mag das jetzt zu weich, unlogisch, konstruiert oder unwissenschaftlich sein. Aber das ist mir egal. Denn das ist es, was ich am Anfang dieses Artikels mit "es ist wichtig" gemeint habe und was ich zum Ausdruck bringen will: Agile Teams, die gemeinsam an einem Ort arbeiten sind sicherlich nicht perfekt. Aber sie sind in der deutlichen Vielzahl der Fälle produktiver, effektiver, handlungsfähiger, änderungswilliger, offener, respektvoller und: emotionaler.

Das Ergebnis ist eine gewisse Energie, eine gewisse Magie, die bei agilen Teams mit Colocation öfter und schneller entsteht. In dem letzten Slide meines Enthusiasmus-Vortrags über Scrum beim Webmontag in München sieht man eine Band im Sonnenuntergang zusammenspielen. Das spiegelt die Energie & Magie ein wenig wider: die Emergenz des Teams. Das Ganze ist mehr als die Summer der einzelnen Teile.

Und damit dieses ach so kindische "aber du sagt das ist toll und alles andere ist blöd"-Fingerpointing nach diesem Artikel hoffentlich keinen Nährboden findet, nochmal ein klarer Disclaimer: Ich habe die Weisheit nicht gepachtet. Aber ich habe eine Meinung.

Für mich ist klar: wer wirklich agile Software-Entwicklung betreiben möchte, der wird versuchen, ein Team an einem gemeinsamen Ort arbeiten zu lassen. Wenn es nicht möglich ist, dann eben mit Hilfsmitteln verteilt. Alles andere ist in meinen Augen weder agil, noch fortschrittlich, noch wirklich produktiv.

Ich bevorzuge es, wenn ich meinem Kollegen auf die Schulter klopfen kann, wenn er einen genialen Integrationstest geschrieben hat. Oder dem Web-Designer in sein kritisches Gesicht zu blicken, wenn er wieder einmal den Usability-Prototyp der UX-Designerin begutachtet und währenddessen sich die Komplementärfarben im Pantone-Fächer zurechtsucht. Es ist für mich eine Ehrensache, dem gestressten Produktmanager beim sortieren und formulieren der neuen User Stories zu helfen, weil er in einer Stunde ein wichtiges Meeting mit dem Marketing hat. Und: es baut mich auf, wenn meine Teammitglieder mich anlächeln, weil ich ein Feature mit einem Kollegen fertiggestellt habe und wir uns nach dem grünen Build in den Armen liegen, als wäre der FC Bayern gerade Championsleague-Sieger geworden.

Ich bevorzuge agile Teams an einem Fleck, an einem Ort, in einem Raum. Gemeinsam für die gemeinsame Sache. Räumliche Nähe wird unterschätzt.


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