Nun ist die Agilität schon mehr als eine Dekade alt. Für einige mag das schon als lange erscheinen, andere wiederum empfinden die Agilität als noch sehr junge Disziplin. Doch wie bei nahezu allen Disziplinen der Neuzeit kämpft die Agilität mit der Vernachlässigung einer besonders wichtigen Perspektive: der Ausbildung und Lehre.
In diesem siebten Interview der Interviewserie der Agilisten widme ich mich dem Punkt der Agile Education. Das hört sich Anfangs etwas komisch an, in einer Zeit, in der Wissen und Informationsmanagement als "Kulturbestandteil" wahrgenommen werden. Doch Bildung & Lehre werden im Software-Entwicklungs-Arbeitsleben leider zu oft auf Konferenzen und Zertifikate reduziert. Eine sehr eindimensionale Sicht wie ich finde.
Im Interview: Ole Pophal
In diesem Interview freue ich mich sehr, mit Ole Pophal einen ambitionierten Zeitgenossen gefunden zu haben, der sich den Weg in die Agilität mit Stringenz und Freude gebahnt hat. Im Gespräch mit Ole galt es, die Perspektive sowie den Status Quo der Lehre & Ausbildung von agiler Software-Entwicklung abzuklopfen. Ole ist durch seine jüngsten Erfahrungen im Studium dafür der ideale Gesprächspartner. Es folgt ein komprimiertes Gesprächsprotokoll. Viel Spaß!
Hallo Ole. Was machst Du beruflich?
Ich bin Offizier bei der Bundeswehr und dort derzeit als IT-Koordinator im Bereich IT-Service-Management eingesetzt. Zu meinem Aufgaben gehört dort die Kommunikation von Anforderungen bzw. Problemen zwischen der Bundeswehr und dem (externen) IT-Dienstleister, wie auch die Erarbeitung von Konzepten zum Einsatz der IT in dem mir zugeordneten Teilbereich der Bundeswehr (Organisationsbereich).
Welches sind Deine Ziele bei der agilen Software-Entwicklung?
Ich möchte nach meiner Zeit bei der Bundeswehr (2013) weiterhin im Bereich IT arbeiten. Vermutlich nicht in direkt in der Softwareentwicklung sondern eher an der Schnittstelle "Kunde zu Entwicklung". Wichtig sind mir hierbei zukünftig Aufgaben, die mir und meinem Team Kreativität und Freiraum bei der Problemlösung ermöglichen.
Wann bist Du mit agiler Software-Entwicklung in Kontakt gekommen und wie?
Mein "Erstkontakt" war im Rahmen meines Studiums, Ende 2010. Es war zugleich das Thema des ersten Vorlesungsmoduls wie auch das angedachte Vorgehen für unser studentisches Entwicklungsprojekt.
Das war Pflichtlektüre für alle Teilnehmer des Studiengangs. Der Studiengang ist vollständig berufsbegleitend für alle Teilnehmer gewesen. In meinem Erststudium (2002-2006) war von agiler Entwicklung noch keine Rede, sondern es wurden eher die klassischen Vorgehensmodelle (Wasserfall, V-Modell) gelehrt.
Das war schon etwas Besonderes für mich, denn offen gesagt habe ich von agilen Methoden vorher nur "so nebenher" etwas gehört. Es mag auch daran liegen, dass ich mich davor berufsbedingt nicht besonders stark mit der Software-Entwicklung auseinandergesetzt habe.
Was ist für Dich das Besondere an der agilen Software-Entwicklung?
Meiner Meinung nach stellt Sie das Individuum wieder mehr in den Mittelpunkt der Entwicklung. Dies betrifft sowohl die starke Orientierung am Kunden, wie auch den einzelnen Entwickler, der in seiner Freiheit und Kreativität - aber auch seiner Verantwortung gestärkt wird.
Das ist z.B. im Vergleich zu klassischen Methoden schon etwas anderes. Ich denke, dass gerade die Orientierung am Wunsch des Kunden durch den klassischen Wasserfallansatz vielleicht nicht immer im Zentrum der Entwicklung stand. Besonders der ständige Abgleich der Entwicklung mit den Wünschen bzw. der Vision des Kunden ist bspw. beim V-Modell in der Art meiner Meinung nach nicht gegeben.
Wie ausgeprägt ist die Ausbildung und Information über Agilität im Studium?
In meinem Erststudium war es de facto nicht vorhanden. Also kann ich eigentlich nur aus der Qualität und Intensität meines zweiten Studiums berichten. Die vermittelten Kenntnisse hängen natürlich stark von der Qualität des Dozenten und dessen Erfahrung mit der Agilität ab.
In meinem Fall wurde ein Scrum-Master als Dozent eingesetzt, der nach Scrum auch in seinem derzeitigen Berufsumfeld entwickelt. Die restlichen Module des Studiums (z.B. Softwarequalität und -test etc.) waren nicht unbedingt auf agile Methoden und Vorgehensweisen ausgerichtet.
Es gehört meiner Meinung nach schon "ein Quentchen Glück" dazu, auch einen kompetenten und erfahrenen Dozenten zu haben. Das wird sicherlich auch von Studiengang zu Studiengang ganz unterschiedlich im Bezug auf Umfang und Qualität sein.
Zu welcher 'Disziplin' würdest Du Agilität eher einordnen: Software-Entwicklung oder Organisations-Management?
Ich denke, dass es in beide Bereiche gehört. Wenn ich mich jedoch entscheiden müsste, dann würde ich es persönlich eher dem Organisations-Management zuordnen.
Es gibt in Unternehmen ja bereits den Bereich des "Change und Innovation Management". Ich denke dort würde es vermutlich am besten hinpassen. Als eigene Disziplin oder Methode ist es mir aus diesem Bereich jedoch nicht bekannt.
Kann man Deiner Meinung nach Agilität überhaupt klassisch didaktisch aufbereiten und lehren?
Ich denke Agilität (im Sinne der mir bekannten Methode zur Softwareentwicklung) setzt neben den passenden Methoden und Werkzeugen vielmehr noch eine entsprechende geistige Haltung voraus.
Damit meine ich eine Bereitschäft für Veränderung und flexibles Reagieren. Ich denke schon, dass es grundsätzlich entsprechend aufbereitet und auch gelehrt werden kann. Ich bin mir jedoch nicht ganz sicher, inwiefern man diese Lehre in bestehende Lehrkonzepte integrieren kann.
Meiner Erfahrung nach Bedarf es dabei aber nicht nur theoretischer Module. Ich hatte z.B. das begleitende Studienprojekt, welches über 1 Jahr parallel zum Studium durchgeführt wurde. Erst im praktischen Vorgehen des Projektes konnte man die theoretischen Inhalte umsetzen und Erfahrungen sammeln, vor allem auch mit den Problemen, die im Zuge dieser Methode natürlich auch entstehen können.
Welche Bestandteile der agilen Software-Entwicklung sind Deiner Meinung nach am schwersten zu vermitteln?
Gerade die "agilen Werte" sind meiner Meinung nach schwer theoretisch zu vermitteln. Hierunter verstehe ich:
- Vertrauen (zwischen Kunde und Entwicklung)
- hohe Kommunikationsbereitschaft
- hohe intrinsische Motivation und Spaß an der Aufgabe
- bestmögliche Lösungen für den Kunden schaffen
Es ist meiner Meinung nach schwer, dieses Wertegerüst der Agilität klar und deutlich zu transportieren.
Was war Dein bisher schönstes Erlebnis in Verbindung mit Agilität?
Das schönste Erlebnis war für mich das gemeinsame Arbeiten mit dem Ergebnis, den Kunden mit seiner eigenen Arbeit komplett zufrieden zu stellen - sogar noch über seine Erwartungen hinaus. Ich denke, dass so eine "Übererfüllung der Aufgabe" nur mit agilen Verfahren möglich ist.
Was ist für Dich das wichtigste an einem agilen Team?
Da gibt es meiner Meinung nach mehrere Punkte. Ich denke dass die richtige Teamgröße und Teamzusammenstellung ein entscheidender Faktor ist. Das Team darf nicht zu groß sein und die Teammitglieder sollten schon mit einer positiven Grundhaltung aufeinander zugehen können.
Besonders wichtig ist für mich die Interdisziplinarität und Besetzung des Teams; also das Prinzip, dass jeder im Team jede Aufgabe durchführen kann. Andernfalls hätte man wieder das Potenzial zur fachlichen Silo-Bildung. Natürlich kann nicht jeder alles gleich gut. Aber dass zumindest jeder im Team jede Aufgabe umsetzen kann ist schon ein wichtiger Bestandteil des Teams für mich.
Was fehlt Deiner Meinung nach in der agilen Lebens- und Arbeitsweise?
Das ist eine schwierige Frage. Ich habe ja nun nicht einen sehr großen Erfahrungsschatz in Punkto Agilität. Ich sehe derzeit keine Mängel in der Methodik oder den Praktiken.
Vielmehr denke ich, dass es im Umfeld der Agilität noch einiges an Nachholbedarf gibt. Damit meine ich größtenteils die Stärkung der Akzeptanz der agilen Software-Entwicklung - sowohl unternehmerisch, als auch gesellschaftlich.
Wenn Du Dir für die agile Arbeitswelt etwas wünschen könntest, was würdest Du Dir wünschen?
Da möchte ich nahtlos an meine vorherige Antwort anknüpfen. Ich denke, dass die Wahrnehmung der agilen Methoden als ernsthaftes Management- und Organisationsmodell noch weiter ausgebaut werden kann und sollte.
Ich würde mir wünschen, dass man diese Anerkennung weiter vorantreibt. Auch durch anpacken von eventuell halbherzigen "pro Forma"-Umsetzungen oder weiteren Entwicklungsbereichen. Ich denke, dass die agile Methodik schon längst aus den Kinderschuhen heraus ist und auch die notwendige fundierte Basis hat, um breite Anerkennung in der IT-Arbeitswelt zu erlangen. Ich wünsche mir sowohl breite als auch tiefe Akzeptanz der Agilität in der IT-Branche.
Vielen Dank, Ole!
Weitere Interviews der Serie "Der Agilist"
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