Nach einer kurzen Verschnaufpause möchte ich heute meine Interview-Serie der Agilisten fortführen und gleich mit einem interessanten Thema einsteigen: Der Stand der heutigen agilen Software-Entwicklung aus der Perspektive des Scrum-Masters. Der Scrum-Master ist eine besondere Rolle im Rahmenwerk Scrum. Wenn auch nicht die wichtigste, ist es dennoch eine intensive und spannende Rolle.

Im Interview: Bettina Ruggeri

Gerade wegen des intensiven Wirkungsspektrums der Rolle ist es mir eine Freude, mit Bettina Ruggeri eine erfahrene und kompetente Scrum-Masterin für ein Interview gewinnen zu können. Bettina blickt nicht nur auf vielschichtige Erfahrungen als Scrum-Master zurück, sondern ist darüber hinaus eine engagierte Scrum-Masterin, die gerne den Austausch mit Kollegen sucht und das stetige Lernen befürwortet - ja sogar vorlebt. Es folgt ein komprimiertes Gesprächsprotokoll. Viel Spaß!

Hallo Bettina. Was machst Du beruflich?

Aktuell verbreite & lebe ich agile Werte und Methoden als Scrum Master und Kanban Coach. Dazu betreue ich die Ausbildung in unserem Unternehmen und werde vielfach als Moderator eingesetzt.

Darüber hinaus arbeite ich im beruflichen und privaten Umfeld als Konfliktmoderatorin/Mediatorin und begleite Menschen als systemischer Coach.

Welches sind Deine Ziele bei der agilen Software-Entwicklung?

Mein Ziel ist eine verbesserte Zusammenarbeit, um gemeinsam Ziele zu erreichen. Deshalb möchte ich eine Firmenkultur fördern, in der die Interessen aller Mitarbeiter gesehen werden, Freude an Weiterentwicklung und ein wertschätzendes Fehler- und Konfliktverhalten gelebt wird.

Und so konzentriere ich mich immer mehr auf die Menschen, die mir im Leben begegnen - sei es jeder Einzelne, Teams und auch das Management.

Aus meiner Sicht sind Akzeptanz und ein vertrauensvolles Umfeld der notwendige Raum, um Kreativität und Begeisterung für erfolgreiche Produkte zu entwickeln.

Scrum ist mittlerweile das bekannteste und beliebteste agile methodische Vorgehen. Warum?

Nun, es ist in erster Linie natürlich ein vielerorts erfolgreiches agiles Methodenwerk. Darüber hinaus erscheint es dem Neuling bzw. Interessierten auch als ein einfaches Methodenmodell, weil es nur wenige "Regeln" mit sich bringt.

Betrachtet man die Zuneigung zu Scrum etwas genauer, fällt einem schnell auf, das ein Großteil der Vorliebe dem agilen Wert der "Menschenorientierung" zu schulden ist. Scrum stellt den Menschen in den Vordergrund, wie jede andere agile Vorgehensweise auch. Das ist ein Schlüsselfaktor denke ich.

Ist Scrum wirklich so einfach, wie es immer gesagt und vermittelt wird?

Nein, Scrum ist nicht wirklich einfach. Ich denke, Scrum will das auch gar nicht sein. Der "Schein" des einfachen mit den wenigen Rollen, Regeln und Gremien ist zwar da, aber das war's auch schon. Themen wie Selbstorganisation und Eigeninteresse an Weiterentwicklung sind äußerst schwierig. Sowohl für den Einzelnen, wie auch für die Gemeinschaft.

Ein kurzes Beispiel hilft vielleicht zur Veranschaulichung. In agilen Methoden - so auch in Scrum - gibt es vielschichtige Feedback- und Reflektionsmechanismen. Menschen werden daduch quasi gezwungen, eine Überprüfung der Lage und Ihres Handelns durchzuführen. Das ist schwerer als man denken mag, denn wir Menschen tun uns meist leichter zu sagen, was wir nicht wollen. Doch das zu sagen, was wir stattdessen wollen, ist ungleich schwieriger.

Wieso ist der Scrum-Master für ein Scrum-Team so wichtig? Alle im Team 'können' ja Scrum, oder nicht?

Nun, es liegt in der Natur des Menschen, das man in seinem Aufgabenfeld von Zeit zu Zeit in eine gewisse Routine kommt. Dinge, Methoden und Auffassungen schleifen sich ein und der Blick über den Tellerrand fällt dann dem einen oder anderen schwerer.

Ein "frischer Wind" von außen, eine Kraft, die manche steife Blicke wieder aufweitet tut in diesem Moment meines Erachtens gut. Als Scrum-Master erlebe ich mich als die Kraft, die hilft, die gemeinsame Komfort-Zone zu hinterfragen. Insofern kann man sagen, dass es auch eine meiner Aufgaben ist, "unbequem" zu sein. Das Ziel dabei ist die Weiterentwicklung der Arbeitsweisen.

Warum wird oft bei agilen Einführungen der Scrum-Master als neuer 'Projekt-Manager' gesehen?

Diese Wahrnehmung hat viele Gründe. Meistens hat es mit der Ab- und Übergabe von Vertrauen und Verantwortung zu tun. Ein klassisches Management ist es gewohnt, Verantwortung explizit an Personen zu übertragen. Es braucht eine Bezugsperson, der sie die Verantwortung buchstäblich 'in die Hände' legt.

Manchmal ist es auch etwas banaleres, wie z.B. die nackte Tatsache, dass die völlige Transparenz zwischen Team und Produktverantwortlichen nicht erwünscht ist. Das mag aus vielerlei Motivationsfaktoren entstehen. Entscheidend ist aber meiner Meinung nach, dass man solche Faktoren erkennt. Nur dadurch lässt sich auch ein überlegter Umgang mit der Situation ermöglichen.

Welches sind Deiner Meinung nach die Kern-Eigenschaften eines guten Scrum-Masters?

Die wichtigste Eigenschaft ist sicherlich die "Liebe zu den Menschen". Als Scrum-Master arbeitet man viel mit und an den Menschen. Da ist es quasi fundamental, den Umgang mit vielerlei Charakteren und Meinungen zu mögen.

Darüber hinaus zeichnet sich ein Scrum-Master für mich durch das leben und vermitteln von Werten wie Akzeptanz, Wertschätzung und Vertrauen aus. Das sind elementare Werte, um den Raum für Kreativität zu schaffen und zu schützen.

In wie weit lässt sich Scrum-Master als Rolle mit disziplinarischer Führung vereinbaren?

Meiner Meinung nach ist das eine Frage der Integration in die Unternehmensorganisation. Natürlich wird auch in die Scrum-Master-Rolle viel Verantwortung "hineininterpretiert". Das man auch ein ausschlaggebender Faktor sein, muss es aber nicht. Ich denke das mangelnde Vertrauen in das Team ist eher kontraproduktiv. Ich persönlich möchte als Scrum-Master lieber keine disziplinarische Verantwortung übernehmen. Ich denke es wäre für mich und meine Arbeit mit den Menschen eher ein Hindernis als ein Vorteil.

Welches sind die Nachteile der Scrum-Master-Rolle in der Praxis?

Ich glaube das ein Scrum-Master schon vor der Herausforderung steht, sich, seine Aufgaben und seine Rolle jederzeit klar nach außen zu kommunizieren und darzulegen. Der Scrum-Master wird im Alltag meist aus dem Hintergrund agieren und das Team in den Vordergrund stellen. Das ist mit eine der Hauptaufgaben. Schließlich ist die Förderung der Selbst-Organisation des Teams ein wichtiger Eckpfeiler in Scrum.

Daraus kann sich aber auch eine Wahrnehmung Dritter ergeben, die den Scrum-Master als passiv oder so ähnlich empfinden. Eine klare Kommunikation und das ständige Feedback der Mitarbeiter können diesen Wahrnehmungen entgegenwirken.

Was ist für Dich das wichtigste an einem agilen Team?

Die Freude an der Arbeit und an der gemeinsamen Leistung ist sicherlich ein sehr hohes Gut. Das ist natürlich auch eine individuelle Frage der Motivation. Gerade diese Individualität fordert von einem agilen Team eine gesunde Kompromiss- und Konfliktfähigkeit. Besonders die gemeinschaftliche Findung und Beschreitung eines Konsens ist für ein agiles Team von großem Wert.

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig zu erkennen, dass diese Werte nicht einfach "erlangt werden", sondern von allen stetige Aufmerksamkeit abverlangen. Konsens- und Kompromissfähigkeit ist keine Eigenschaft, sondern ein Ziel, welches jedes Mal angegangen und erarbeitet werden will.

Was fehlt Deiner Meinung nach in der agilen Lebens- und Arbeitsweise?

Ich bin der Überzeugung, dass mangelndes Vertrauen eine große Hürde darstellt. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, das gerade diese Öffnung des Einzelnen dem Anderen gegenüber ein großer und schwieriger Schritt ist. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der die Professionalisierung mit Klarheit, Sachlichkeit und Nüchternheit assoziiert wird. Vertrauen passt zwar nicht in dieses Bild, aber das liegt nicht am Vertrauen, sondern eben an diesem verzerrten Bild der Professionalität.

Akzeptanz und Wertschätzung sind weitere wichtige Werte, die oftmals - ja sogar in agilen Projekten und Unternehmen - vernachlässigt werden. Hier können und müssen wir dran bleiben.

Wenn Du Dir für die agile Arbeitswelt etwas wünschen könntest, was würdest Du Dir wünschen?

Eine vertrauensvolle und optimistische Firmenkultur, die sich auf die Erreichung der gemeinsamen Ziele konzentriert. Es mag sich etwas abgehoben oder esoterisch anhören, aber es ist durchaus aller Ehren wert, wenn man sich vornimmt, einfach "Licht in die Welt zu tragen". Manchmal geht uns Menschen der Blick für das große Ganze auch verloren, dann hilft es, sich wieder auf die grundlegenden Dinge zu stützen.

Oft wird z.B. vergessen, dass wir nicht arbeiten, um zu Leben, sondern das die Arbeit Teil unseres Lebens ist. Man kann und sollte nicht einfach 8 oder mehr Stunden seines täglichen Lebens einfach so ausblenden. Das Ziel sollte sein, dass wir als Menschen unsere Arbeit mit Freude erledigen und dass alle Interessen umgesetzt und gelebt werden können. Vertrauen, Akzeptanz, Wertschätzung sind die Kräfte, die uns dabei helfen können.

Vielen Dank, Bettina!

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