Über das Ziel von Coding Dojos III

Die Interpretationskraft des Menschen ist mächtig. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Es scheint jedoch, dass es bei "willensbasierten Systemen" wesentlich mehr Interpretationsmotivation gibt. Coding Dojo's sind ein gutes Beispiel dafür.

Vorwort

Ich habe nachgedacht und gezögert, bevor ich jetzt nun wieder einmal über Coding Dojo's schreibe. Für den interessierten Leser sei nochmals kurz auf die Referenzen zu Teil I und Teil II meiner eigenen Meinungsbildung zu Coding Dojo's verwiesen. Nun mag man sich fragen, "muss es ein Teil III geben"? Aber für mich ist es ein wichtiges Thema, über das ich lange gegrübelt habe. Die bisherigen Erkenntnisse daraus halte ich hier einmal fest.

Metapher Coding Dojo

Der ausschlaggebende Grund für meine Gedanken über die Art, Form und Interpretation von Coding Dojo's ist zweifelsohne die Metapher "Dojo". Das Dojo, der Übungsraum, die Kata, die Übung. Ist doch alles einleuchtend, oder?

Nein! Alles Lüge! Das Coding Dojo ist ein Coding Dojo, die Code Kata eine Code Kata. Wenn das Coding Dojo nicht Coding Dojo heissen würde, sondern Coding Disco und die Code Kata nicht Code Kata, sondern Code Foxtrott, was wäre dann eine "Coding Disco"? Wären wir, die Coding Dojo-Gänger und Code Kata-Praktizierer dann alle verrückte Discotänzer?

Für mich steht fest: Das Coding Dojo wie auch die Code Kata haben eine Identität. Es existiert aus einer Intention, aus einer motivierenden Kraft heraus. Die "Metapher" des "Dojo" soll diese Identität unterstreichen und idealerweise auch stärken. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Metapher zum Dojo und Kata ein treffender Vergleich ist. Manchmal ist es aber auch anders. Schade, wie ich finde.

Coding Dojo's ohne TDD ?!?

So passiert es ab und an, dass Coding Dojo's mit "Variationen" umgesetzt werden. Letztes Jahr gab es z.B. Coding Dojo's ohne Coding, es wurden Coding Dojo's ohne TDD abgehalten, Coding Dojo's mit Präsentationsfolien umgesetzt, "Architektur Dojo's" vorgeschlagen. Sogar Coding Dojo Meisterschaften waren einmal im Gespräch. Dieser Einfallsreichtum ist bemerkenswert.

Ich finde das toll. Diversität ist etwas schönes. Doch ich frage mich dabei schon des öfteren, was eine solche Veranstaltung mit einem Coding Dojo zu tun hat. In meinen Augen hat ein Coding Dojo nämlich schon eine gefestigte Identität. Da bedarf es meiner Meinung nach keiner weiteren "Übungsraum-Metapher-Interpretation" oder einer "Weiterentwicklung des Trainingsgedankens".

Coding Dojo Community

Darüber hinaus finde ich es besonders gut, dass sich in letzter Zeit die Community intensiver mit Coding Dojo's auseinandersetzt. Die Coding Dojo's im Raum Düsseldorf werden immer regelmäßiger, in Karlsruhe gibt es endlich auch eine feste Coding Dojo Truppe und viele Unternehmen veranstalten (mehr oder minder regelmäßig) interne Coding Dojo's. Obgleich wir in München schon seit langer Zeit ein etabliertes Coding Dojo haben, sind sogar bei uns neue Community-Projekte wie ein Java Coding Dojo am Start.

Aber auch Coding Dojo's sind vor problematischen Herausforderungen nicht gefeit. So kommt es durchaus vor, dass Entwickler ein Coding Dojo eher als "Spassveranstaltung" betrachten, anstatt es als lockeres Mittel zum Training und Erfahrungsaustausch zu sehen. Dieser Effekt ist vor Allem bei Konferenzen gut zu beobachten.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch diejenigen Dojo-Veranstaltungen, die die Popularität eines "Coding-Dojo" nicht ausschliesslich für die Sache, sondern auch für andere Dinge nutzen möchten. Da ist dann von Zeitschriften-Abo's über Freelancer-Anfragen bis hin zu Recruiting-Maßnahmen alles dabei. Das ist ja auch alles schön und gut, so lange es nicht den eigentlichen Sinn des Coding-Dojo's überdeckt und ein gezügeltes Mass an "Sponsoring" nicht überschreitet. Schließlich ist so eine Veranstaltung auch mit einigem an Aufwand (Zeit, Vorbereitung, Räume usw. usf.) verbunden.

Community, Consumity, Commercity

Ich weiss, das man mich mit den vorherigen Sätzen auch missverstehen kann, wenn man mich missverstehen will. Aber es ist nunmal wie bei jeder Community-Veranstaltung: das Gleichgewicht zwischen Community, Consumity und Commercity sollte gewahrt werden. Zur Erläuterung der o.g. Begriffe in diesem Kontext:

  • Community = freiwilliges, ehrenamtliches Engagement
  • Consumity = passiver, begleitender Konsum
  • Commercity = aktiver, profitorientierter Beitrag

Wie schon erwähnt, ist diese "Balance" ein allgemeines Problem und nicht spezifisch für Coding Dojo's. Dennoch: auch allgemeine Schwierigkeiten können Schwierigkeiten bei Coding Dojo's sein.

Eigenkritik

Nun ist es ja so, dass ich selbst an der Entstehung und Bildung der Coding Dojo Community einen kleinen Beitrag geleistet habe. Gerade deswegen kann und will ich mich selbst nicht von der Kritik befreien. Ich habe mit Sicherheit immer nur gutes gemeint, aber eben nicht immer alles gut umgesetzt.

Ich denke, dass da viele Faktoren eine Rolle spielen. Dennoch kann man schon ein paar Kritikpunkte finden. Ein schwieriges Thema ist sicherlich die "Abendveranstaltung Coding Dojo" und die viel zu sehr vernachlässigte Arbeit zu den Hintergründen und Motivationen des Coding Dojo.

Ein weiterer Kritikpunkt kann auch mir persönlich angeheftet werden: Durch meine Art des "Entertaining Engineers" und meiner immer wiederkehrenden Hervorhebung des "lockeren Erfahrungsaustausches" haben viele den Eindruck gewonnen, dass ein Coding Dojo viel mehr mit Entertainment zu tun hat als mit Training. Das ist natürlich komplett falsch.

Coding Dojo Werte & Ziele

Ich glaube, dass die subjektiven, persönlichen Ziele des Einzelnen beim Coding Dojo für die Gemeinschaft auf einen Nenner gebracht werden: Lerne & Lehre. Ich wollte seit dem problematischen Coding Dojo bei den dotnetpro.powerdays diesen Begriff des "Lernen & Lehrens" nicht mehr anwenden, aber es trifft es immer noch ziemlich gut.

Ein Coding Dojo hat zum Ziel, die gemeinschaftliche, respektvolle und praxisorientierte Auseindandersetzung mit modernen Design- & Programmiertechniken wie TDD, Domain-Driven-Design, Pair Programming, Design Patterns und Refactoring durch lockeren Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Das ist genau das Gegenteil zu dem für mich traurigen Feedback, was ich in den letzten Wochen oft bekommen habe. Ich habe von Neulingen und auch erfahreneren Dojo-Gängern in letzter Zeit immer wieder gehört, dass ein Coding Dojo doch nur ein "nettes Rahmenprogramm" sei oder aber eine etwas bessere "Recruiting-Veranstaltung". Das ist nicht richtig.

Coding Dojo Resources

Ich habe schon vor einiger Zeit zu dem Coding Dojo ein paar Grundlagen und Werte zusammengefasst. Es gibt aber im Netz noch viele weitere informative und hilfreiche Quellen zum Coding Dojo:

Es gibt im Netz natürlich noch viele weitere Quellen, aber die obige Liste ist meines Erachtens für den Interessierten ein guter Anfang.

Konsequenzen? Konsequenzen.

Aus den oben genannten Überlegungen heraus ergeben sich für mich ein paar persönliche Schlußfolgerungen. So gibt es in der letzten Zeit immer mehr Aktivität von der Community, eigene Coding Dojo's zu machen. Als Beispiele seien hier nur das Coding Dojo in Karlsruhe und das Coding Dojo auf der Seesharp-Party genannt.

Diese Dynamik in der Community ist super und ich kann jeden unterstützen und aufmuntern, selbst ein Coding Dojo zu organisieren oder zu veranstalten. Egal ob in der Firma, in der lokalen Community, oder aber auf einer Veranstaltung. Wenn es eine offene, aufrichtige und ernstgemeinte Auseinandersetzung mit dem Coding Dojo ist, dann ist es gleichermaßen unterhaltsam und wertvoll.

Wenn jedoch dabei das Gleichgewicht von Community, Consumity und Commercity wankt, oder aber das "Dojo" zur HR-Kontaktbörse wird, oder ein Dojo zu einem "Party-Programmpunkt" mutiert, dann finde ich persönlich das nicht besonders wertvoll, sondern eher schade.

Ich glaube weiterhin, dass ich als Person ein Faktor für die Missinterpretation des Coding Dojo's bin. Obgleich bin der Meinung bin, dass fast alle meine Coding Dojo's auf Veranstaltungen gute Coding Dojo's waren, werde ich in der nächsten Zeit keine Coding Dojo's mehr als Operator auf Konferenzen leiten.

Darüber hinaus möchte ich alle Coding Dojo-Gänger - ganz besonders aber die Münchener Dojo-Community - nochmals aufmuntern, weiter das .NET Coding Dojo zu besuchen. Wir in München - besonders Pete, Fuip und Christian - investieren viel Zeit, Aufwand und Stress, um ein gutes Coding Dojo zu veranstalten.

Wenn einem dabei manche Recruiting-Hinweise vom Veranstalter missfallen, dann kann er ja kurz weghören. In keinem Fall sollten "We are hiring"-Rufe dazu verleiten, das Coding Dojo nicht mehr zu besuchen. Pete, Fuip und Christian machen Dojo's des Lernen & Lehrens willen, da könnt ihr euch sicher sein. Und: Ich werde natürlich weiter mit Pete und den anderen das Ziel des Lernens & Lehrens mit dem Coding Dojo verfolgen und stärken.

Abschließend möchte ich noch einen kleinen Hinweis gepaart mit einem Ausblick geben. Wer mir auf Twitter folgt, der wird eventuell schon mitbekommen haben, dass ich gerne einmal ein Code-Retreat mitmachen würde. Ich mag die Idee des Code-Retreats und habe auch schon mal getweetet, dass ich gerne bereit wäre, ein Code-Retreat zu organisieren. Ich habe mich dazu entschlossen, diese Idee nicht weiter zu verfolgen. Ich werde kein Code-Retreat organisieren. Die Gründe werde ich eventuell in einem separaten Blog-Post darlegen.

Statt dessen möchte ich andere Dinge gerne ausprobieren. Wer offen, aufrichtig und ernsthaft daran interessiert ist, der kann sich bei mir gerne via Email oder Xing melden.


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